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Ethik

Ethik wird am Humboldt-Gymnasium (wie an allen Berliner Schulen) von Klasse 7 bis Klasse 10 mit zwei Wochenstunden für alle verbindlich unterrichtet. Es besteht in der zehnten Klasse die Möglichkeit, Ethik als Fach für die Präsentationsprüfung im MSA zu wählen. In der Oberstufe wird das Fach nicht unterrichtet, man kann bei Interesse aber Philosophie wählen. Dort werden die im Ethikunterricht entwickelten Kompetenzen vertieft und weitere philosophische Inhalte thematisiert.

Im Ethikunterricht geht es vorrangig um Fragen des gelingenden Lebens und des moralischen Urteilens. Beispiele für solche Fragen sind: Wie soll ich mich als Freund verhalten? Was bedeutet es, Verantwortung zu haben? In welchem Sinne bin ich (un)frei? Was ist eine gerechte Strafe? Inwieweit darf ich fremde Kulturen kritisieren? Wann darf (oder muss) ich gegen Normen verstoßen, die mir Autoritäten (Eltern, Lehrer, Staat) auferlegen? Was bedeutet „glauben“, „wissen“, „zweifeln“?

Diese Fragen werden jeweils aus einer individuellen (z. B. meine Vorstellung vom glücklichen Leben), einer gesellschaftlichen (z. B. Glücksvorstellungen aus unterschiedlichen Kulturen) und einer ideengeschichtlichen Perspektive (z. B. Glück als Grundlage einer eudaimonistischen Ethik) betrachtet.

Ziel ist es jedoch nicht, vorgefertigte Antworten zur Orientierung zu vermitteln, sondern die Schülerinnen und Schüler methodisch geleitet zur Reflexion anzuhalten, damit sie zu eigenen Urteilen gelangen, die eine Grundlage für selbstbestimmtes verantwortliches Handeln sein können. Dabei müssen die Schülerinnen und Schüler lernen, ethisch bedeutsame Fragen in der Lebenswelt wahrzunehmen, aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, Argumente zu formulieren, zu diskutieren und zu gewichten, um schließlich ausgehend von immer schon vorhandenen Intuitionen und Alltagsempfindungen zu immer besser begründeten Urteilen über ethische Fragen zu gelangen.

Philosophische Methoden bilden das Rüstzeug ethischer Reflexion, schließlich ist Ethik ein Teilgebiet der Philosophie. Dazu gehören die sorgfältige Analyse von Begriffen, das Durchführen von Gedankenexperimenten, das folgerichtige Argumentieren, die kritische, aber faire Auseinandersetzung mit fremden Argumenten (auch in Texten) und der konstruktive Dialog mit anderen. Diese Kompetenzen sind in vielen Bereichen des Lebens hilfreich – im Ethikunterricht garantieren sie, dass die Reflexion über ethische Fragen nicht bei einem bloßen Austausch von Meinungen stehen bleibt, sondern ein echter Fortschritt im (ethischen) Urteilen erzielt werden kann. Auch wird dadurch insbesondere der Philosophieunterricht in der Oberstufe vorbereitet.

Die Grundlage der Leistungsbewertung bilden ebenfalls diese Kompetenzen. Nicht bewertet werden kann selbstverständlich die persönliche Meinung einer Schülerin oder eines Schülers, die der unverzichtbare Ausgangspunkt jeder weiteren methodisch angeleiteten ethischen Reflexion ist. Sehr wohl bewertet werden können jedoch die begriffliche Klarheit, die angemessene Formulierung, die Sachbezogenheit und die Folgerichtigkeit der eigenen Argumentation, die Einbeziehung relevanter (z. B. philosophischer) Kenntnisse oder das Niveau der fairen kritischen Auseinandersetzung mit fremden Argumenten.

Henning Franzen und Jörg Freier, November 2013