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Universität und Schule

Humboldt-Lectures in der Aula

"Schokolade - ein chemischer Sinnesrausch"

In der 14. Humboldt-Lecture in der alten Aula des Humboldt-Gymnasiums sprach am 15. Dezember 2008 Prof. Dr. Klaus Roth von der Freien Universität in Berlin über "Schokolade - ein chemischer Sinnesrausch".

Klaus Roth kommt aus der analytischen Chemie und hat am Londoner Institute for Medical Research und an der University of California in San Francisco an der Fortentwicklung der Kernspintomografie gearbeitet. Er leitete 1991 bis 1999 die Dahlem Konferenzen, die Spitzenforscher aus aller Welt und den verschiedensten Disziplinen miteinander ins Gespräch bringen und engagiert sich in der Lehrerausbildung, denn ihm scheint in der Schule "oft etwas falsch zu laufen" ("Die Zeit" 13 vom 19.3.2008 Seite 35, ZEIT ONLINE). Es geht Klaus Roth darum den verbreiteten Vorurteilen gegenüber der Chemie (Umweltverschmutzung, Krankheit und Gift) entgegenzutreten und die Vorzüge der Chemie sichtbar zu machen. Diese Humboldt-Lecture wurde uns von der Kollegin Julia Wagner vermittelt.

Die entscheidende und faszinierende Qualität seines Vortrags über Schokolade besteht in der lustvollen sinnlichen Unmittelbarkeit, dem reichen kulturhistorischen Kontext und der detaillierten Beschreibung der Genese der Verarbeitungstechnik von Schokolade. Die Humboldt-Lecture behandelt im Allgemeinen keine Gegenstände, die man während des Vortrags in den Mund stecken, lutschen, schmecken, genießen und verschlucken kann. Dieser Zugang zum Vortrag ist wohl einer der körperlich-sinnlichsten, der sich denken lässt. Er evoziert durch seine Konnotationen erotische Assoziationen, die von der Kulturhistorie widergespiegelt werden. Seit die spanischen Seefahrer 1528 die Kakaobohne aus Amerika (Azteken) nach Europa gebracht haben, haftet der Schokolade der Ruf des Aphrodisiakums an, der sich im Lichte der Wissenschaft leider als Legende entpuppt. Im Übrigen schmeckte diese ursprünglich ungesüßte Schokolade Philipp II. nicht und konnte sich deshalb am spanischen Hof anfänglich nicht durchsetzen. Aber weil Schokolade teuer und ihre Zubereitung mühsam war, konnte sie als Distinktionsmerkmal der reichen Oberschicht eine soziale Funktion in der europäischen Barock- und Rokokogesellschaft erfüllen. Durch eine verbesserte technische Verarbeitung der Schokolade wurde der Genuss preiswerter und einfacher: 1828 gelang Coenraad Johannes van Houten mittels Druck die Trennung von Kakaopulver und Kakaobutter und Rodolphe Lindt führte 1879 das Conchieren ein. Damit war der Weg frei für unsere moderne und preiswerte Tafel Schokolade, den demokratischen Genuss. Wer an den Genüssen interessiert ist, dem sei Klaus Roth: Chemische Delikatessen, Wiley VCH-Verlag, 2007 und Wolfgang Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft, Hanser, 1980 empfohlen.

Dr. Harald Paland